Jobabbau bei VW: Fast 2.000 Stellen sollen verschwinden
Nach monatelangen und teilweise äußerst angespannten Verhandlungen haben sich die IG Metall und der Automobil-Entwicklungsdienstleister IAV Anfang August 2026 auf einen Zukunftstarifvertrag verständigt. Die Vereinbarung bringt den Beschäftigten zwar vorübergehend mehr Sicherheit, gleichzeitig bestätigt sie aber das gewaltige Ausmaß des geplanten Stellenabbaus. Bis Ende 2027 soll die Belegschaft nach den Plänen der Geschäftsführung auf 2.970 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reduziert werden. Damit würden mehr als 40 Prozent der derzeitigen Arbeitsplätze verschwinden. Medienberichten zufolge geht es insgesamt um knapp 2.000 Stellen.
Der Personalabbau soll zunächst nicht über klassische Entlassungen erfolgen. Vorgesehen ist ein sogenanntes Ansprache- und Freiwilligenprogramm. Dabei kann das Unternehmen gezielt Beschäftigte ansprechen und ihnen eine freiwillige Auflösung ihres Arbeitsverhältnisses anbieten. Ein gemeinsam mit dem Betriebsrat vereinbarter Sozialplan sieht dafür Abfindungen vor. Noch ist allerdings unklar, welche Abteilungen und Berufsgruppen besonders betroffen sein werden, wen IAV zum Ausscheiden bewegen will und welche Fachkräfte langfristig im Unternehmen verbleiben sollen. Gerade diese fehlende Klarheit sorgt weiterhin für erhebliche Verunsicherung.
Kündigungsschutz mit einer wichtigen Ausnahme
Als zentralen Erfolg wertet die IG Metall den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Grundsätzlich gilt dieser Schutz bis zum 31. Dezember 2028. Vollständig garantiert ist er jedoch nicht: Sollte die angestrebte Belegschaftsstärke von 2.970 Beschäftigten bis zum 30. Juni 2028 nicht erreicht werden, könnten ab dem 1. Juli 2028 betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen werden. Dafür wäre allerdings die Zustimmung des Betriebsrats erforderlich.
Der Tarifvertrag verhindert somit eine sofortige Entlassungswelle, zwingt das Unternehmen aber nicht dazu, den Stellenabbau aufzugeben. Für zahlreiche Beschäftigte bedeutet die Vereinbarung deshalb lediglich, dass ihr Ausscheiden über Abfindungen, Aufhebungsverträge, natürliche Fluktuation oder andere freiwillige Modelle organisiert werden soll. Die Gewerkschaft betont ausdrücklich, dass der Tarifvertrag die sozialen Folgen der Unternehmensentscheidung lediglich abmildert.
Gewerkschaft erhebt schweren Vorwurf
Besonders schwer wiegt die Darstellung der IG Metall, die IAV-Geschäftsführung habe während der Verhandlungen wiederholt mit einem Insolvenzverfahren gedroht. Nach Angaben der Gewerkschaft sei damit erheblicher Druck aufgebaut worden, damit Arbeitnehmervertreter dem Sanierungs- und Abfindungspaket zustimmen. Die angebliche Insolvenzdrohung ist bislang vor allem durch Aussagen der Gewerkschaft öffentlich bekannt geworden und wurde von IAV nicht unabhängig bestätigt. Deshalb muss sie als Vorwurf und nicht als erwiesene Tatsache dargestellt werden.
Nach Darstellung der IG Metall soll die Geschäftsführung inzwischen erklärt haben, dass die Gefahr einer Insolvenz mit dem Abschluss der Vereinbarung vom Tisch sei. Auch Volkswagen, mit 50 Prozent größter Anteilseigner von IAV, soll seine weitere Unterstützung von einer Einigung abhängig gemacht haben. Mit dem neuen Tarifvertrag sollen nun die Voraussetzungen geschaffen sein, zusätzliche Aufträge und neues Geschäft für den Entwicklungsdienstleister zu gewinnen. IAV selbst hatte sich bis zum Vormittag des 6. August noch nicht öffentlich ausführlich zu der Vereinbarung und den Vorwürfen geäußert.
40-Stunden-Woche und weniger Urlaub verhindert
Der Streit drehte sich nicht nur um die Zahl der Arbeitsplätze. Nach Gewerkschaftsangaben hatte die Unternehmensführung auch weitreichende Verschlechterungen bei Arbeitszeit, Bezahlung und Urlaub gefordert. Im Raum standen unter anderem eine Rückkehr zur tariflichen 40-Stunden-Woche, Kürzungen bei tariflichen und außertariflichen Entgeltbestandteilen, der Verzicht auf Tariferhöhungen bis mindestens 2028 sowie eine Begrenzung des Urlaubs auf 25 Tage.
Darüber hinaus waren verpflichtende Qualifizierungsmaßnahmen mit Prüfungen vorgesehen. Bei einem Nichtbestehen hätten nach Darstellung der Arbeitnehmervertreter arbeitsrechtliche Konsequenzen drohen können. Die IG Metall erklärt, diese Forderungen weitgehend verhindert oder deutlich abgeschwächt zu haben. Weder die generelle 40-Stunden-Woche noch eine pauschale Reduzierung des Urlaubs auf 25 Tage wurden Bestandteil der endgültigen Vereinbarung.
Berliner Stammsitz besonders bedroht
Besonders dramatisch ist die Situation am traditionellen IAV-Stammsitz in Berlin-Charlottenburg. Im Mai hatte das Unternehmen angekündigt, das dortige Betriebsgelände spätestens bis zum 30. Juni 2027 zu verkaufen. Von den damals rund 1.250 Beschäftigten sollte lediglich ein kleiner Kern in Berlin verbleiben. Einem Teil der Belegschaft wurde ein Wechsel in das niedersächsische Gifhorn in Aussicht gestellt.
Die Geschäftsführung wollte Wertschöpfung und technische Kompetenzen stärker in Gifhorn sowie am sächsischen Standort Stollberg bündeln. Gleichzeitig sollten nach den ursprünglichen Planungen Tätigkeiten in kostengünstigere Länder verlagert und dort frei werdende oder neu entstehende Stellen besetzt werden. Welche Folgen der jetzt geschlossene Zukunftstarifvertrag konkret für Berlin, Gifhorn, Stollberg und die weiteren deutschen Standorte hat, ist noch nicht abschließend bekannt.
Der Stellenabbau hatte sich lange angekündigt
Die aktuelle Zuspitzung ist nicht der erste Einschnitt bei IAV. Bereits 2024 wurden nach Angaben der IG Metall ungefähr 600 Stellen abgebaut. Damals war den Beschäftigten vermittelt worden, dass das Unternehmen durch dieses Programm wirtschaftlich stabilisiert werden könne.
Im Dezember 2025 kündigte die Geschäftsführung jedoch ein weiteres Programm mit rund 1.500 Stellen an. Im Mai 2026 wurde anschließend der Abbau von bis zu 1.400 Arbeitsplätzen bis Mitte 2027 öffentlich gemacht. Mit der nun genannten Zielgröße von nur noch 2.970 Beschäftigten erreicht die Schrumpfung eine noch größere Dimension. Rechnet man das Programm von 2024 hinzu, ist nach Einschätzung der IG Metall langfristig mehr als jeder zweite frühere Arbeitsplatz betroffen.
Wirtschaftlicher Druck und hohe Verluste
IAV begründet den Sparkurs mit Überkapazitäten, der schwachen Lage der Automobilindustrie, veränderten Märkten und einer im internationalen Vergleich zu hohen Kostenstruktur in Deutschland. Entwicklungsaufträge werden heute zunehmend weltweit ausgeschrieben. Anbieter aus China oder Indien können viele Leistungen günstiger und teilweise erheblich schneller anbieten. Gleichzeitig bauen große Autohersteller eigene Entwicklungszentren in Asien aus und vergeben weniger Arbeiten an deutsche Dienstleister.
Die wirtschaftlichen Zahlen zeigen, wie stark der Druck bereits 2024 war. Laut IAV-Nachhaltigkeitsbericht erwirtschaftete die Unternehmensgruppe in diesem Jahr Gesamterlöse von 942,3 Millionen Euro. Gleichzeitig entstand ein operativer Verlust von 86,8 Millionen Euro. Im Jahr zuvor hatte IAV noch einen operativen Gewinn von 57,8 Millionen Euro ausgewiesen. Der Wechsel von einem deutlichen Gewinn zu einem hohen Verlust erklärt einen Teil des Sanierungsdrucks, rechtfertigt aus Sicht der Gewerkschaft aber nicht automatisch den Verlust Tausender hochqualifizierter Stellen.
Hochqualifizierte Entwicklungsarbeit steht auf dem Spiel
IAV wurde 1983 als Ausgründung der Technischen Universität Berlin gegründet. Das Unternehmen entwickelt Technik und Software für Fahrzeuge und begleitet Projekte von der ersten Idee bis zur Serienproduktion. Zu den Arbeitsgebieten gehören Elektromobilität, automatisiertes Fahren, Fahrzeugsoftware, Antriebstechnik, Sicherheitssysteme und sogenannte Software-Defined Vehicles.
Inzwischen versucht IAV, sein Geschäft über die klassische Automobilindustrie hinaus auf Landwirtschaft, Energie und Verteidigung auszuweiten. Dennoch bleibt das Unternehmen stark von der Autoindustrie und großen Auftraggebern wie Volkswagen abhängig. Volkswagen hält 50 Prozent der Gesellschaft. Die häufig verwendete Bezeichnung „VW-Tochter“ ist daher verständlich, rechtlich handelt es sich jedoch nicht um eine vollständig von Volkswagen kontrollierte Tochtergesellschaft.
Der Abbau trifft damit nicht nur Verwaltungsstellen, sondern potenziell auch Ingenieure, Softwareentwickler, Techniker und Fachkräfte, die über viele Jahre Spezialwissen aufgebaut haben. Die IG Metall warnt davor, dass dieses Wissen bei einem massiven Personalabbau dauerhaft verloren gehen oder ins Ausland verlagert werden könnte. Besonders problematisch sei, dass standortübergreifende Entwicklungsteams auseinandergerissen werden könnten.
Tausende Beschäftigte gingen auf die Straße
Die Pläne lösten bereits im Frühjahr große Proteste aus. Am 12. Mai demonstrierten nach Gewerkschaftsangaben rund 900 Menschen am Berliner Stammsitz. Unterstützt wurden sie unter anderem von Vertreterinnen und Vertretern der Berliner Landespolitik. Eine Woche später versammelten sich in Gifhorn ungefähr 1.000 Beschäftigte aus Niedersachsen, Berlin, Sachsen und Süddeutschland.
Die Demonstrierenden forderten ein tragfähiges Zukunftskonzept, Investitionen in neue Geschäftsfelder und den Erhalt der deutschen Entwicklungsstandorte. Der angebotene Wechsel von Berlin nach Gifhorn wurde von Arbeitnehmervertretern nicht als realistische Lösung angesehen, da viele Beschäftigte dafür ihr gesamtes privates und familiäres Umfeld verlassen müssten.
IAV ist Teil einer wesentlich größeren Krise
Der Konflikt steht exemplarisch für die schwierige Lage der deutschen Automobil- und Zulieferindustrie. Sinkende Absätze in Europa, der Verlust von Marktanteilen in China, hohe Energie- und Personalkosten, neue US-Zölle und der teure Umbau zur Elektromobilität setzen Hersteller und Entwicklungsdienstleister gleichzeitig unter Druck.
Auch Volkswagen selbst arbeitet an deutlich größeren Einsparungen. Bereits Ende 2024 wurde der sozialverträgliche Abbau von mehr als 35.000 Arbeitsplätzen an deutschen VW-Standorten bis 2030 vereinbart. Im Sommer 2026 wurden darüber hinaus wesentlich umfangreichere Umbaupläne diskutiert, die nach Medienberichten bis zu 100.000 Stellen und mehrere deutsche Werke betreffen könnten. Diese weitergehenden Überlegungen sind jedoch nicht vollständig beschlossen und stoßen auf massiven Widerstand von Arbeitnehmervertretern und Politik.
Ein Kompromiss, aber noch keine Rettung
Der Zukunftstarifvertrag verhindert zunächst die härtesten Eingriffe in die Arbeitsbedingungen und schützt die Beschäftigten vor einer sofortigen Kündigungswelle. Eine Entwarnung ist die Einigung trotzdem nicht. Das Unternehmen soll innerhalb kurzer Zeit auf weniger als 3.000 Beschäftigte schrumpfen, der Berliner Stammsitz steht weiterhin vor einer weitgehenden Aufgabe und die Auswahl der betroffenen Mitarbeiter ist noch ungeklärt.
Entscheidend wird nun sein, ob IAV tatsächlich neue Aufträge gewinnt und seine Kompetenzen in Zukunftsfeldern wie Fahrzeugsoftware, Energie, Landwirtschaft und Verteidigung erfolgreich ausbauen kann. Gelingt das nicht, könnte der gegenwärtige Personalabbau nur eine weitere Etappe auf einem längerfristigen Schrumpfungskurs sein. Bereits Anfang 2026 hatte die IG Metall davor gewarnt, dass auch für die Jahre 2029 und 2030 weitere Einschnitte diskutiert worden seien.
Foto: High Contrast / Wikimedia Commons – Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE
Der Personalabbau soll zunächst nicht über klassische Entlassungen erfolgen. Vorgesehen ist ein sogenanntes Ansprache- und Freiwilligenprogramm. Dabei kann das Unternehmen gezielt Beschäftigte ansprechen und ihnen eine freiwillige Auflösung ihres Arbeitsverhältnisses anbieten. Ein gemeinsam mit dem Betriebsrat vereinbarter Sozialplan sieht dafür Abfindungen vor. Noch ist allerdings unklar, welche Abteilungen und Berufsgruppen besonders betroffen sein werden, wen IAV zum Ausscheiden bewegen will und welche Fachkräfte langfristig im Unternehmen verbleiben sollen. Gerade diese fehlende Klarheit sorgt weiterhin für erhebliche Verunsicherung.
Kündigungsschutz mit einer wichtigen Ausnahme
Als zentralen Erfolg wertet die IG Metall den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Grundsätzlich gilt dieser Schutz bis zum 31. Dezember 2028. Vollständig garantiert ist er jedoch nicht: Sollte die angestrebte Belegschaftsstärke von 2.970 Beschäftigten bis zum 30. Juni 2028 nicht erreicht werden, könnten ab dem 1. Juli 2028 betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen werden. Dafür wäre allerdings die Zustimmung des Betriebsrats erforderlich.
Der Tarifvertrag verhindert somit eine sofortige Entlassungswelle, zwingt das Unternehmen aber nicht dazu, den Stellenabbau aufzugeben. Für zahlreiche Beschäftigte bedeutet die Vereinbarung deshalb lediglich, dass ihr Ausscheiden über Abfindungen, Aufhebungsverträge, natürliche Fluktuation oder andere freiwillige Modelle organisiert werden soll. Die Gewerkschaft betont ausdrücklich, dass der Tarifvertrag die sozialen Folgen der Unternehmensentscheidung lediglich abmildert.
Gewerkschaft erhebt schweren Vorwurf
Besonders schwer wiegt die Darstellung der IG Metall, die IAV-Geschäftsführung habe während der Verhandlungen wiederholt mit einem Insolvenzverfahren gedroht. Nach Angaben der Gewerkschaft sei damit erheblicher Druck aufgebaut worden, damit Arbeitnehmervertreter dem Sanierungs- und Abfindungspaket zustimmen. Die angebliche Insolvenzdrohung ist bislang vor allem durch Aussagen der Gewerkschaft öffentlich bekannt geworden und wurde von IAV nicht unabhängig bestätigt. Deshalb muss sie als Vorwurf und nicht als erwiesene Tatsache dargestellt werden.
Nach Darstellung der IG Metall soll die Geschäftsführung inzwischen erklärt haben, dass die Gefahr einer Insolvenz mit dem Abschluss der Vereinbarung vom Tisch sei. Auch Volkswagen, mit 50 Prozent größter Anteilseigner von IAV, soll seine weitere Unterstützung von einer Einigung abhängig gemacht haben. Mit dem neuen Tarifvertrag sollen nun die Voraussetzungen geschaffen sein, zusätzliche Aufträge und neues Geschäft für den Entwicklungsdienstleister zu gewinnen. IAV selbst hatte sich bis zum Vormittag des 6. August noch nicht öffentlich ausführlich zu der Vereinbarung und den Vorwürfen geäußert.
40-Stunden-Woche und weniger Urlaub verhindert
Der Streit drehte sich nicht nur um die Zahl der Arbeitsplätze. Nach Gewerkschaftsangaben hatte die Unternehmensführung auch weitreichende Verschlechterungen bei Arbeitszeit, Bezahlung und Urlaub gefordert. Im Raum standen unter anderem eine Rückkehr zur tariflichen 40-Stunden-Woche, Kürzungen bei tariflichen und außertariflichen Entgeltbestandteilen, der Verzicht auf Tariferhöhungen bis mindestens 2028 sowie eine Begrenzung des Urlaubs auf 25 Tage.
Darüber hinaus waren verpflichtende Qualifizierungsmaßnahmen mit Prüfungen vorgesehen. Bei einem Nichtbestehen hätten nach Darstellung der Arbeitnehmervertreter arbeitsrechtliche Konsequenzen drohen können. Die IG Metall erklärt, diese Forderungen weitgehend verhindert oder deutlich abgeschwächt zu haben. Weder die generelle 40-Stunden-Woche noch eine pauschale Reduzierung des Urlaubs auf 25 Tage wurden Bestandteil der endgültigen Vereinbarung.
Berliner Stammsitz besonders bedroht
Besonders dramatisch ist die Situation am traditionellen IAV-Stammsitz in Berlin-Charlottenburg. Im Mai hatte das Unternehmen angekündigt, das dortige Betriebsgelände spätestens bis zum 30. Juni 2027 zu verkaufen. Von den damals rund 1.250 Beschäftigten sollte lediglich ein kleiner Kern in Berlin verbleiben. Einem Teil der Belegschaft wurde ein Wechsel in das niedersächsische Gifhorn in Aussicht gestellt.
Die Geschäftsführung wollte Wertschöpfung und technische Kompetenzen stärker in Gifhorn sowie am sächsischen Standort Stollberg bündeln. Gleichzeitig sollten nach den ursprünglichen Planungen Tätigkeiten in kostengünstigere Länder verlagert und dort frei werdende oder neu entstehende Stellen besetzt werden. Welche Folgen der jetzt geschlossene Zukunftstarifvertrag konkret für Berlin, Gifhorn, Stollberg und die weiteren deutschen Standorte hat, ist noch nicht abschließend bekannt.
Der Stellenabbau hatte sich lange angekündigt
Die aktuelle Zuspitzung ist nicht der erste Einschnitt bei IAV. Bereits 2024 wurden nach Angaben der IG Metall ungefähr 600 Stellen abgebaut. Damals war den Beschäftigten vermittelt worden, dass das Unternehmen durch dieses Programm wirtschaftlich stabilisiert werden könne.
Im Dezember 2025 kündigte die Geschäftsführung jedoch ein weiteres Programm mit rund 1.500 Stellen an. Im Mai 2026 wurde anschließend der Abbau von bis zu 1.400 Arbeitsplätzen bis Mitte 2027 öffentlich gemacht. Mit der nun genannten Zielgröße von nur noch 2.970 Beschäftigten erreicht die Schrumpfung eine noch größere Dimension. Rechnet man das Programm von 2024 hinzu, ist nach Einschätzung der IG Metall langfristig mehr als jeder zweite frühere Arbeitsplatz betroffen.
Wirtschaftlicher Druck und hohe Verluste
IAV begründet den Sparkurs mit Überkapazitäten, der schwachen Lage der Automobilindustrie, veränderten Märkten und einer im internationalen Vergleich zu hohen Kostenstruktur in Deutschland. Entwicklungsaufträge werden heute zunehmend weltweit ausgeschrieben. Anbieter aus China oder Indien können viele Leistungen günstiger und teilweise erheblich schneller anbieten. Gleichzeitig bauen große Autohersteller eigene Entwicklungszentren in Asien aus und vergeben weniger Arbeiten an deutsche Dienstleister.
Die wirtschaftlichen Zahlen zeigen, wie stark der Druck bereits 2024 war. Laut IAV-Nachhaltigkeitsbericht erwirtschaftete die Unternehmensgruppe in diesem Jahr Gesamterlöse von 942,3 Millionen Euro. Gleichzeitig entstand ein operativer Verlust von 86,8 Millionen Euro. Im Jahr zuvor hatte IAV noch einen operativen Gewinn von 57,8 Millionen Euro ausgewiesen. Der Wechsel von einem deutlichen Gewinn zu einem hohen Verlust erklärt einen Teil des Sanierungsdrucks, rechtfertigt aus Sicht der Gewerkschaft aber nicht automatisch den Verlust Tausender hochqualifizierter Stellen.
Hochqualifizierte Entwicklungsarbeit steht auf dem Spiel
IAV wurde 1983 als Ausgründung der Technischen Universität Berlin gegründet. Das Unternehmen entwickelt Technik und Software für Fahrzeuge und begleitet Projekte von der ersten Idee bis zur Serienproduktion. Zu den Arbeitsgebieten gehören Elektromobilität, automatisiertes Fahren, Fahrzeugsoftware, Antriebstechnik, Sicherheitssysteme und sogenannte Software-Defined Vehicles.
Inzwischen versucht IAV, sein Geschäft über die klassische Automobilindustrie hinaus auf Landwirtschaft, Energie und Verteidigung auszuweiten. Dennoch bleibt das Unternehmen stark von der Autoindustrie und großen Auftraggebern wie Volkswagen abhängig. Volkswagen hält 50 Prozent der Gesellschaft. Die häufig verwendete Bezeichnung „VW-Tochter“ ist daher verständlich, rechtlich handelt es sich jedoch nicht um eine vollständig von Volkswagen kontrollierte Tochtergesellschaft.
Der Abbau trifft damit nicht nur Verwaltungsstellen, sondern potenziell auch Ingenieure, Softwareentwickler, Techniker und Fachkräfte, die über viele Jahre Spezialwissen aufgebaut haben. Die IG Metall warnt davor, dass dieses Wissen bei einem massiven Personalabbau dauerhaft verloren gehen oder ins Ausland verlagert werden könnte. Besonders problematisch sei, dass standortübergreifende Entwicklungsteams auseinandergerissen werden könnten.
Tausende Beschäftigte gingen auf die Straße
Die Pläne lösten bereits im Frühjahr große Proteste aus. Am 12. Mai demonstrierten nach Gewerkschaftsangaben rund 900 Menschen am Berliner Stammsitz. Unterstützt wurden sie unter anderem von Vertreterinnen und Vertretern der Berliner Landespolitik. Eine Woche später versammelten sich in Gifhorn ungefähr 1.000 Beschäftigte aus Niedersachsen, Berlin, Sachsen und Süddeutschland.
Die Demonstrierenden forderten ein tragfähiges Zukunftskonzept, Investitionen in neue Geschäftsfelder und den Erhalt der deutschen Entwicklungsstandorte. Der angebotene Wechsel von Berlin nach Gifhorn wurde von Arbeitnehmervertretern nicht als realistische Lösung angesehen, da viele Beschäftigte dafür ihr gesamtes privates und familiäres Umfeld verlassen müssten.
IAV ist Teil einer wesentlich größeren Krise
Der Konflikt steht exemplarisch für die schwierige Lage der deutschen Automobil- und Zulieferindustrie. Sinkende Absätze in Europa, der Verlust von Marktanteilen in China, hohe Energie- und Personalkosten, neue US-Zölle und der teure Umbau zur Elektromobilität setzen Hersteller und Entwicklungsdienstleister gleichzeitig unter Druck.
Auch Volkswagen selbst arbeitet an deutlich größeren Einsparungen. Bereits Ende 2024 wurde der sozialverträgliche Abbau von mehr als 35.000 Arbeitsplätzen an deutschen VW-Standorten bis 2030 vereinbart. Im Sommer 2026 wurden darüber hinaus wesentlich umfangreichere Umbaupläne diskutiert, die nach Medienberichten bis zu 100.000 Stellen und mehrere deutsche Werke betreffen könnten. Diese weitergehenden Überlegungen sind jedoch nicht vollständig beschlossen und stoßen auf massiven Widerstand von Arbeitnehmervertretern und Politik.
Ein Kompromiss, aber noch keine Rettung
Der Zukunftstarifvertrag verhindert zunächst die härtesten Eingriffe in die Arbeitsbedingungen und schützt die Beschäftigten vor einer sofortigen Kündigungswelle. Eine Entwarnung ist die Einigung trotzdem nicht. Das Unternehmen soll innerhalb kurzer Zeit auf weniger als 3.000 Beschäftigte schrumpfen, der Berliner Stammsitz steht weiterhin vor einer weitgehenden Aufgabe und die Auswahl der betroffenen Mitarbeiter ist noch ungeklärt.
Entscheidend wird nun sein, ob IAV tatsächlich neue Aufträge gewinnt und seine Kompetenzen in Zukunftsfeldern wie Fahrzeugsoftware, Energie, Landwirtschaft und Verteidigung erfolgreich ausbauen kann. Gelingt das nicht, könnte der gegenwärtige Personalabbau nur eine weitere Etappe auf einem längerfristigen Schrumpfungskurs sein. Bereits Anfang 2026 hatte die IG Metall davor gewarnt, dass auch für die Jahre 2029 und 2030 weitere Einschnitte diskutiert worden seien.
Foto: High Contrast / Wikimedia Commons – Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE


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